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Johann Jacoby.</head><lb/>
<p>Es ist noch keine zehn Jahr, als man in Deutschland Ostpreußen wie ein<lb/>
Stück Vorsibirien ansah, wo die Sonne neun Mouate lang nicht im Stande sein<lb/>
sollte, den Schnee zu schmelzen, wo die Wölfe schaarenweis in den Straßen der<lb/>
Hauptstadt den Mond anheulten und wo in den wüsten Kieferwaldungen die me¬<lb/>
lancholischen Elenthiere Meilenweit die einzigen civilisirten Bewohner vorstellten.<lb/>
Man wußte nur, daß arme sächsische Kandidaten, die in der Heimath kein Unter¬<lb/>
kommen fanden, in nicht geringer Zahl in diese Wildniß zogen, um die halbwilden<lb/>
Eingebornen, ein Gemisch aus heidnischen Lithauern und Polacken, im Lesen,<lb/>
Schreiben und im Lateinischen zu unterrichten &#x2014; und in der That bestanden noch<lb/>
vor nicht so langer Zeit die Mehrzahl der Pädagogen aus sächsischen Einwanderern.<lb/>
Freilich war in diesem kalten Osten die Sonne der modernen Philosophie aufge¬<lb/>
gangen, aber eine frostige; wenigstens hatten alle Leute, denen die Werke des<lb/>
unsterblichen <hi rendition="#g">Immanuel Kant</hi> zu Gesicht gekommen waren, erzählt, daß in<lb/>
seiner unheimlich dünnen Atmosphäre alle lebendige Realität in Begriffe eingefro¬<lb/>
ren sei. Von Zeit zu Zeit kam ein strebsamer Anacharsis aus diesem modernen<lb/>
Scythien nach Deutschland, um sich zu wärmen und Europens übertünchte Höf¬<lb/>
lichkeit zu studiren: <hi rendition="#g">Herder</hi>, der Consistorialrath in Bückeburg wurde und nach¬<lb/>
her sich den Sternreihen der deutschen Literaten und des deutschen Adels anschloß;<lb/>
<hi rendition="#g">Haman</hi>, der Magus des Nordens, der seine sibyllinischen Blätter in jener un¬<lb/>
verständlich heidnischen Sprache hinwarf, die den Wilden der Capornschen Heide<lb/>
wohl verständlich sein mochte, <hi rendition="#g">Zacharias Werner</hi>, der in seinem Streben,<lb/>
eine neue Religion zu finden, in Berlin betrogen, sich endlich in Wien zu dem<lb/>
alten legitimen Jesuitismns bekehrte, endlich <hi rendition="#g">E. T. A. Hoffmann</hi>, der einzige<lb/>
salonfähige ostpreußische Hinterwäldler, der allerdings die Geister, Teufel, Hexen<lb/>
und Kobolde seiner Heimath mitbrachte, der aber durch die Verpflanzung seines<lb/>
vaterländischen Getränks, des angezündeten Branntweins mit Zucker, in das ge¬<lb/>
bildete Berlin, sich eben so um das Vaterland verdient machte, als durch die<lb/>
zierliche Art, wie er mit seinen Kobolden umsprang. Man war damals sehr für<lb/>
das Ursprüngliche und Naturwüchsige eingenommen, und eine Nation, die des<lb/>
Sommers in Pelzen ging, Elenthiere jagte, sich mit Hexen und Kobolden zu thun<lb/>
machte, eine unverständliche Sprache redete und dazu in der Regel heißen Brannt¬<lb/>
wein trank, verdiente schon an sich einen Platz im Raritätencabinet der Indivi¬<lb/>
dualitäten, auch wenn sie nicht so große Namen, wie Kant und Herder, zu den<lb/>
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ihrigen gezählt hätte. Für Royalisten hatte sie noch insofern Interesse, als die<lb/>
königliche Familie in Königsberg vor den übermächtigen Feinden eine Zuflucht<lb/>
fand. Vor den Augen der Königin Louise hatte ein braver, frommer Prediger<lb/>
so viel Wohlgefallen gefunden, daß man ihn zum Erzbischof gemacht hatte: der<lb/>
Mann des Volkes und der Liebling des Hofes, der zugleich mit seiner Familie<lb/>
in die Romantik eingriff, denn sein Sohn war ein baltischer Rinaldo Rinaldini,<lb/>
er war lange an der Spitze einer gefürchteten Räuberbande der Schrecken der<lb/>
Provinz gewesen, man hatte ihn nach Sibirien transportirt und er war nach sei¬<lb/>
ner Heimath durchgebrochen, bis er endlich in einer idyllischen Abgeschiedenheit in<lb/>
der Festung Graudenz das Ende seiner Thaten fand. In der spätern Zeit verlor<lb/>
man Ostpreußen mehr aus den Augen; zwar beschrieb Professor Voigt die Thaten<lb/>
der deutschen Völker in jenen Gegenden in neun dicken Bänden, aber diese waren<lb/>
zu langweilig, sie wurden in Deutschland nicht gelesen. Man hörte nur von Zeit<lb/>
zu Zeit von dem Auftauchen einer mystischen Secte, die einen babylonisch ge¬<lb/>
schlechtlichen Gottesdienst mit christlicher Askese und Reminiscenzen an die urpreu¬<lb/>
ßische Dreieinigkeit von Perkunos, Potrimpos und Pikullos vereinigte, um einen<lb/>
neuen Gott zu erzeugen, bis sie von der Polizei abgefaßt wurde; oder von dem<lb/>
russischen Generalsuperintendenten, den man an des alten Borowski Stelle nach<lb/>
Königsberg gesetzt, um die theilweise freigeistische Provinz dem rechten Glauben<lb/>
wieder zuzuführen; sonst war alles still von dem Vaterland der Elenthiere und<lb/>
des nordischen Magus.</p><lb/>
<p>Diese Ansicht von Ostpreußen hat sich plötzlich geändert. Seit dem Jahr<lb/>
<hi rendition="#aq">1840</hi> galt Ostpreußen für die liberalste und gesinnungstüchtigste Provinz des preu¬<lb/>
ßischen Staates und man blickte nach der &#x201E;Stadt der reinen Vernunft,&#x201C; über die<lb/>
man bis dahin so geringschätzig die Nase gerümpft hatte, als solle von dort aus<lb/>
dem Staat Friedrich des Großen und dem gesammten deutschen Vaterlande die<lb/>
Stunde der Befreiung schlagen. Der Mann, an dessen Namen sich vorzugsweise<lb/>
diese veränderte Stimmung gegen Ostpreußen knüpft, ist <hi rendition="#g">Johann Jacoby</hi>.</p><lb/>
<p>Seine politische Stellung beruht weniger auf einer hervorragenden Persön¬<lb/>
lichkeit, als auf der Meinung. Ich wähle ihn als einen Leitfaden für eine Reihe<lb/>
von Ereignissen, die sich zusammen ganz wohl zu einem Bilde gruppiren lassen.<lb/>
Werfen wir zunächst einen Blick auf den Königsberger Liberalismus von <hi rendition="#aq">1840</hi>.</p><lb/>
<p>Im Ganzen war viel monarchischer Sinn in der Provinz. In der Anwesen¬<lb/>
heit der königlichen Familie im Jahr <hi rendition="#aq">1809</hi> hatten sich gemüthliche Beziehungen<lb/>
angeknüpft, die noch lebendig in der Erinnerung blieben. Der König war über¬<lb/>
haupt sehr populär, eben weil er durchaus nicht nach Popularität jagte. Der<lb/>
Deutsche legt immer viel Gewicht auf den Privatcharakter, und die große Einfach¬<lb/>
heit und sittliche Strenge Friedrich Wilhelms <hi rendition="#aq">III.</hi> imponirte, auch wenn man von<lb/>
seiner geistigen Begabung nicht viel hielt und sich über einige drollige Erscheinun¬<lb/>
gen seines Wesens &#x2014; z. B. sein Sprechen in Infinitiven &#x2014; einen unschuldigen</p><lb/>
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<p>Spaß erlaubte. Die Freiheitskriege waren sehr lebhaft im Gedächtnisse. Zudem<lb/>
fühlte man den Druck des Polizeistaates nicht besonders. Die Behörden waren<lb/>
zum großen Theil liberal; so der Oberpräsident <hi rendition="#g">v. Schön</hi>, der Polizeipräsident<lb/>
<hi rendition="#g">Abegg</hi>, von den Oberbürgermeistern und Rathsangehörigen gar nicht zu reden.<lb/>
Die Censur merkte man nicht, denn in der Provinz selber wurde nichts geschrie¬<lb/>
ben, das Bedürfniß der masurischen Pastorensöhne beschränkte sich in der Regel<lb/>
auf die Compendien, und wer ein Gelüste nach verbotenen Früchten hatte, fand<lb/>
den Börne, die Wally und Aehnliches bequem in jeder Leihbibliothek. Die Idee<lb/>
der Judenemancipation war noch nicht herrschende Stimmung, wenn man auch<lb/>
religiös sehr tolerant war; bei Juden dachte man zu sehr an die Branntwein¬<lb/>
schenken in der Vorstadt und an die Hausirer; von den Corporationsbällen der<lb/>
Kaufmannschaft waren die Juden ausgeschlossen und auf ihr eigenes Local, die<lb/>
Harmonie, angewiesen. Die Orthodoxie blieb in dem engen Kreise kleiner Leute,<lb/>
die sonntäglich den langen Weg in die haberberger und sackheimer Kirche zurück¬<lb/>
legten, im Uebrigen gab sie kein Aergerniß, man scherzte über die alten steifen<lb/>
Pastoren, wenn sie in ihren urväterlichen Kanonenstiefeln bedächtig über die<lb/>
Straße schritten und die Huldigung von diesem oder jenem alten Mütterchen an¬<lb/>
nahmen, das noch auf &#x201E;frommer Väter Weise&#x201C; den Herrn verehrte, aber man<lb/>
fand keine Veranlassung in directe Opposition zu treten. In dem berüchtigten<lb/>
Muckerprozeß, der freilich einem kleinen Theil der hohen Aristokratie einen harten<lb/>
Stoß gab, hatte die Staatsgewalt und selbst die Orthodoxie gegen die Ausschwei¬<lb/>
fung des Mysticismus Partei genommen; in der Kölner Frage ging ganz Königs¬<lb/>
berg mit der Regierung gegen den Ultramontanismus Hand in Hand.</p><lb/>
<p>Doch waren auch oppositionelle Momente in Menge vorhanden. Einmal war<lb/>
die Bürgerschaft durch die Schuldenlast aus den Freiheitskriegen her gedrückt,<lb/>
eben so wie ein großer Theil des ostpreußischen Grundbesitzes. Man hatte da¬<lb/>
mals viel geopfert und fühlte sich in tausendfachen Beziehungen zurückgesetzt. Dem<lb/>
Handel war durch die russische Grenzsperre ein tödtlicher Schlag versetzt, Königs¬<lb/>
berg verarmte und sah mit einem gerechten Ingrimm die fortdauernde Intimität<lb/>
des preußischen Cabinets mit dem russischen Kaiser, während Rußland alle Lebens¬<lb/>
adern des preußischen Wohlstandes aussog. Um so gehässiger war dieses Bünd-<lb/>
niß, da die bestehende Cartelconvention fortwährend zu widerwärtigen Scenen &#x2014;<lb/>
der Auslieferung von Flüchtlingen &#x2014; Veranlassung gab und die Sage von der<lb/>
russischen Barbarei bei der consequenten Abschließung dieses Reichs durch seine<lb/>
größere Nähe keineswegs gemildert wurde. Zudem war man den adeligen Offi¬<lb/>
zieren abgeneigt, die zwar bei jedem Ball von Reputation unentbehrliche Figuren<lb/>
schienen, die aber hier so wenig wie in den andern Provinzen geeignet waren, das<lb/>
natürliche Ehrgefühl des Bürgerstandes mit ihrer exceptionellen Stellung zu ver¬<lb/>
söhnen. Der Offizierstand war in Königsberg viel abgeschlossener, viel mehr auf<lb/>
seinen eigenen Kreis beschränkt &#x2014; die Artillerie immer ausgenommen &#x2014; als in<lb/>
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Berlin und dadurch die an sich schon schiefe Stellung eines unproductiven Berufs<lb/>
noch erschwert. In Berlin herrscht wenigstens unter einem großen Theile der<lb/>
Offiziere das Bedürfniß der Bildung, man sieht sie vielfach in den Collegien,<lb/>
gemischt unter die Studenten, in sorgfältigem Nachschreiben beschäftigt. In Kö¬<lb/>
nigsberg galt das nicht für fashionable, wozu freilich die abscheuliche Localität<lb/>
des Universitätsgebäudes das ihrige beigetragen haben mag, man füllte seine Zeit<lb/>
mit Pharao und ähnlicher Beschäftigung aus. Das allgemeine Gerücht, daß der<lb/>
Kronprinz den Adel und die Pietisten wieder begünstigen werde, hatte sich auch<lb/>
hierher verbreitet, obgleich das Organ der nachmals herrschenden Partei, das Ber¬<lb/>
liner politische Wochenblatt, wenig Eingang fand, und die einzelnen Züge, die<lb/>
man aus seinem Leben in einer Masse, die mit den altenfritzenschen Anecdoten<lb/>
wetteifern konnten, erzählte, schmeckten zu sehr nach Berlin, seinem blasirten Witz<lb/>
und seiner Arroganz, als daß sie der innerlichen, reflectirten Denkweise der Ost¬<lb/>
preußen zusagen konnten.</p><lb/>
<p>Eine andere Art der Opposition setzte sich bei einem Theil der Aristokratie<lb/>
fest. Es war der engere Umgang des Oberpräsidenten <hi rendition="#g">v. Schön</hi>. Dieser Staats¬<lb/>
mann aus der alten Stein'schen Zeit, die seit 1822 durch die Reaction gegen das<lb/>
Gespenst der Demagogie in den Hintergrund gedrängt war, hat später in dem<lb/>
bekannten &#x201E;<hi rendition="#g">Woher und wohin?</hi>&#x201C; eine Art politischen Glaubensbekenntnisses<lb/>
veröffentlicht. Es fordert wesentlich Einschränkung der Bureaukratie zu Gunsten<lb/>
der ständischen Selbstregierung. Schön war in der Provinz nicht gerade populär,<lb/>
sein brüskes Wesen hatte oft verletzt und er galt als Aristokrat. Es war eigent-<lb/>
lich nur eine kleine Partei adeliger Grundbesitzer, die <hi rendition="#g">Auerwalds</hi> u. s. w., die<lb/>
auf seine Ideen eingingen. Er, wie seine Partei hofften auf eine Zukunft; sie<lb/>
waren mit dem Kronprinzen zum Theil persönlich befreundet und rechneten auf<lb/>
eine nähere Einigung. Auch sie wollten nicht radikales Abbrechen mit der Ver¬<lb/>
gangenheit, sondern ein &#x201E;organisches Fortbilden&#x201C; auf dem bestehenden Rechtsboden.<lb/>
Die Provinzialstände waren das einzige größere ständische Institut, sie hatten zu¬<lb/>
gleich etwas Naturwüchsiges und Liberales, von ihnen sollte also die weitere<lb/>
Entwickelung ausgehen. Aber sie hatten keinen Halt im Volke; man horte nichts<lb/>
von ihnen, als die Landtagsabschiede, wo man dann erfuhr, daß sie über ver¬<lb/>
schiedene Gegenstände, die in der Regel nur ein höchst locales und particuläres<lb/>
Interesse hatten, eine Bittschrift eingereicht hätten und abschläglich beschieden wä¬<lb/>
ren. Man kümmerte sich daher im Ganzen wenig um die Wahlen; der Bürger¬<lb/>
stand war wegen der beschränkenden Bedingungen sehr schlecht vertreten und die<lb/>
Bureaukratie mit ihren Accidentien, Gerichten u. s. w., hatte immer wenigstens<lb/>
den Vorzug größerer Einsicht voraus, ja sie war im Ganzen demokratischer,<lb/>
man gelangte zu ihr nicht durch zehnjährigen Grundbesitz, sondern durch ein Exa¬<lb/>
men. Der Polizeistaat mußte es arg machen, wenn man auf diese Reste der<lb/>
alten Feudalität seine Hoffnung setzen wollte. Der oppositionelle Liberalismus<lb/>
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war sich daher dieses seines Inhalts noch gar nicht bewußt, bis die Eigenthüm¬<lb/>
lichkeit der Umstände ihn dahin wies.</p><lb/>
<p>Die Jugend machte sichs leichter, sie hielt sich an die Kritik. In der Sie¬<lb/>
gel'schen Conditorei hatte sich ein Kränzchen des schöngeistigen Liberalismus ge¬<lb/>
bildet, aus &#x201E;geistreichen&#x201C; Dilettanten zusammengesetzt; <hi rendition="#g">Walesrode</hi>, nachmals<lb/>
durch seine humoristischen Ausfälle bekannt, war die Seele desselben. Man trieb<lb/>
hier die Politik mit dem Bewußtsein eines superiören Standpunktes, man machte<lb/>
Witze auf das Militär, man hänselte die Obscuranten &#x2014; z. B. den bekannten<lb/>
<hi rendition="#g">Rintel</hi>, der sich das Recht des Kölner Erzbischofs klar machte, katholisch wurde<lb/>
und die erst ultramontane, jetzt radikale Oderzeitung redigirte &#x2014; man war über<lb/>
Vieles hinaus, kurz es war ziemlich ein Berliner Wesen, wie denn auch die Ele¬<lb/>
mente dieses Kreises Königsberg in keiner Weise angehörten.</p><lb/>
<p>Wenn etwas geeignet war, jenen Sagen über die Urwäldlichkeit Königsberg's<lb/>
Glauben zu verschaffen, so war es das Studentenleben. Diese weißen, zottigen<lb/>
Fläusche, die man Winter und Sommer trug und die bei der beständigen Routine<lb/>
im Löbenichtschen Urbier, dessen naturwüchsige Ursprünglichkeit das Bairische Ideal<lb/>
noch nicht verdrängt hatte, durch die beständig <choice><sic>eigesogene</sic><corr>eingesogene</corr></choice> Feuchtigkeit eine solche<lb/>
Consistenz gewannen, daß man sie auf den Boden stellen konnte, ohne daß sie<lb/>
umfielen &#x2014; sie gaben den Masurer und Lithauer Hinterwäldlern ganz das An¬<lb/>
sehen von Eisbären, die sich zum Spaß mit einer rothen Mütze ausgeputzt hatten.<lb/>
Die Königsberger Universität war von den demagogischen Umtrieben der zwanzi¬<lb/>
ger und dreißiger Jahre nicht berührt worden. Es hatte eine Burschenschaft exi-<lb/>
stirt, sie hatte sich aber selber aufgelöst, weil sie nichts mit sich anzufangen<lb/>
wußte, und die Koryphäen derselben hatten sich als Corps constituirt, eine Form<lb/>
der studentischen Maskerade, die am Pregel als eine Neuerung das naive Lands-<lb/>
mannschafterwesen unterbrach. Man fing einmal eine Untersuchung wegen staats-<lb/>
gefährlicher Verbindungen an und entdeckte, daß die eine Verbindung ein Wap¬<lb/>
pen habe, worin zwar der Preußische Adler, aber auch einige Embleme von be¬<lb/>
denklichem Jacobinismus wären; da indessen die patriarchalische Regierung der<lb/>
Universität sehr gemüthlich war, so begnügte man sich damit, die Betheiligten vor<lb/>
fernern demagogischen Umtrieben zu warnen. Es gab allerdings eine legitime und<lb/>
eine modern aufgeklärte Partei: die Rothhäute tranken Bier und Schnaps, lagen<lb/>
täglich auf der Mensur, trugen Fläusche und gingen mit Mienen einher, in de¬<lb/>
nen das ganze Bewußtsein des Comments sich ausprägte; die Yankees tranken Thee,<lb/>
lasen Stücke mit vertheilten Rollen und kleideten sich in reactionäre Tuchröcke.<lb/>
Im Ganzen herrschte eine große Faulheit, und der allerdings vorhandene Libera¬<lb/>
lismus hielt sich sehr im Allgemeinen. <hi rendition="#g">Rosenkranz</hi> suchte auf die Gesinnung<lb/>
wie auf die Gesammtbildung einzuwirken, insofern mit Glück, als der Provinciale<lb/>
doch nun sich einige Phrasen der deutschen Cultur aneignen konnte; der Bevor¬<lb/>
zugte lernte über Kant, Schiller und andere Schriftsteller mit Anstand sprechen;<lb/>
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alljährlich wurde eine Festrede zu Ehren Kant's gehalten. Rosenkranz liebte es,<lb/>
junge Talente um sich zu sammeln; damals wurde es Sitte, sich lyrisch gehn zu<lb/>
lassen, zuerst in sentimentalen Trinkliedern, doch spielte bald die Freiheit im All¬<lb/>
gemeinen und der aufgeklärte Patriotismus hinein, und es fehlte weder die Heinesche<lb/>
Zerrissenheit noch die Grün'sche Reflexionspoesie. Die Mehrzahl der Professoren<lb/>
hielt auf rationalistische Auffassung der Geschichte, des Rechts, der Theologie; die<lb/>
pietistisch gesinnten jungen Theologen kamelisirten und kamen im Studentenleben nicht<lb/>
viel in Betracht. <hi rendition="#g">Lobeck</hi> kämpfte in seinem philologischen Seminar mit Erfolg<lb/>
gegen alle romantischen Einfälle, die seiner Wissenschaft zu nahe traten; er galt<lb/>
als Republikaner, da er ohnehin mehr in Rom und Athen, als in Königsberg<lb/>
lebte. <hi rendition="#g">Schubert, Voigt, Drumann</hi> waren entschieden Preußisch gesinnt; Schu¬<lb/>
bert stellte mit einem diplomatisch feinen Lächeln die Spießbürgerlichkeit der alten<lb/>
Republiken dem complicirten modernen Staatsleben gegenüber ins Licht; er liebte<lb/>
es, mit Personen von Stande umzugehn und ironisirte bei seinen Schülern ein<lb/>
etwa hervortretendes jugendliches Interesse an der französischen Revolution, aber<lb/>
er war dabei aufgeklärt und gegen allen Obscurantismus in der Kirche wie im<lb/>
Staate. Mit den staatsökonomischen Kollegien richtete er nicht viel aus, man<lb/>
lernte ebendie Hefte, soviel zum Examen nöthig war und dachte conservativ ge¬<lb/>
nug, sich am Gegebenen genügen zu lassen. Voigt stand mit dem Oberpräsiden¬<lb/>
ten in näherer Verbindung; er war schon seiner amtlichen Beschäftigung nach,<lb/>
seinen archivarischen Arbeiten nämlich, Royalist; Drumann war es im Princip, er<lb/>
sah die ganze römische Geschichte bis auf Cäsar nur als Vorbereitung an für die<lb/>
monarchische Verfassung, die später eintrat. Auch der Jurist <hi rendition="#g">Simson</hi>, der ge¬<lb/>
genwärtig in Frankfurt ist und der durch einen fließenden Vortrag imponirte, war<lb/>
loyal; er wußte sich etwas darauf, im Tribunal zu sitzen und so dem Staate nä¬<lb/>
her anzugehören.</p><lb/>
<p>Auf legitime Weise wurde also der oppositionelle Sinn der Studirenden<lb/>
nicht genährt. Dagegen blieb eine stille Opposition. In keinem Corps wurde<lb/>
der präjudicielle Vers des Landesvaters gemacht. Bei den rechten Studenten galt<lb/>
es für schlechten Ton, sich mit Politik abzugeben oder gar die Zeitung zu lesen;<lb/>
aber hin und wieder verirrte sich ein alter Bursch, der von fremden Universitäten<lb/>
relegirt war, nach Königsberg und sah mit dem ganzen Bewußtsein eines verfolgten<lb/>
Patrioten auf die gewöhnlichen Sterblichen herab. Je stoffloser dieser Radicalismus<lb/>
war, desto gründlicher verachtete er das Bestehende. M<supplied>a</supplied>n las seinen Thiers und Mignet<lb/>
und schwärmte demnach für Mirabeau und Danton &#x2014; bis zu Robespierre ver¬<lb/>
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las in der Allgemeinen Zeitung nur die Französischen und Englischen Artikel; man<lb/>
trieb nur <hi rendition="#aq">grande politique</hi> und combinirte eine beliebige Niederlage Esparteros mit<lb/>
einem Tscherkessischen Krawall, und glücklich in diesem Bewußtsein großer Princi¬<lb/>
pien hielt man sich des politischen Details für überhoben und trieb die sonstigen<lb/>
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damals einem Masurensenior sehr imponirte, als ich ihm auf die Frage, ob Preußen<lb/>
einmal eine freie Verfassung haben würde, zur Antwort gab, Preußen sei seiner<lb/>
Geschichte und seinen Verhältnissen nach ein unnatürlicher Staat und könne sich<lb/>
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<p>In dieser Art von abstraktem Radikalismus lag viel Gefahr für die Zukunft.<lb/>
Die Regel war freilich, daß er in den spätern Berufsarbeiten als überflüssiger<lb/>
Zierrath bei Seite geworfen wurde, aber auch dann blieb das dunkle Gefühl: <cit><quote>&#x201E;es<lb/>
ist etwas faul im Staate Dänemark!&#x201C;</quote></cit> Wie die französische Erhebung von <hi rendition="#aq">1789</hi><lb/>
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der Bureaukratie beruhte die Kunst des Staats; diese war auf den Universitäten<lb/>
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Staat tauge nicht viel; dieses Bewußtsein stand mit den spätern Geschäften, die<lb/>
strenge nach der alten ererbten Methode fortgeführt wurden, in keinem Verhält¬<lb/>
niß, es konnte durch sie weder entwickelt noch aufgehoben werden; man vergaß<lb/>
es zu Zeiten, aber es blieb latent und mußte dann bei einem elektrischen Schlag,<lb/>
in seinen alten, rohen Abstraktionen hervortreten. So ist es jetzt geschehen; und<lb/>
der Staat muß schwer dafür büßen, früher ein <orig>transcententes</orig> Wesen vorge¬<lb/>
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kes, den Haß gegen ihren eigenen Dienst im Herzen. Nicht quantitativ sondern<lb/>
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Radikalismus war die naturwüchsige Opposition der Städte, der Gutsbesitzer,<lb/>
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<p>Man hörte damals hin und wieder von einem jüdischen Arzt, <hi rendition="#aq">Dr.</hi> Jacoby,<lb/>
der verbotene Bücher verbreiten sollte. Verbotene Bücher! was thaten uns die,<lb/>
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<p>Der alte König starb und es erfolgte der bekannte Huldigungslandtag. Vor¬<lb/>
her machte einer unserer Commilitonen &#x2014; auch das ist ein ostpreußischer Zug &#x2014;<lb/>
den Antrag, wir sollten den neuen König, der zugleich unser Rector <hi rendition="#aq">magnificus</hi><lb/>
war, ersuchen, dem Staat eine Constitution zu geben. Freilich wurde er aus¬<lb/>
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<p>Der König hatte den Preußischen Ständen die Frage vorgelegt, ob sie nicht<lb/>
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wort, die sie ihm gaben, und die zum ersten Mal die Augen Deutschlands auf<lb/>
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sung, und wir ersuchen Dich, König, uns eine solche zu geben.</p><lb/>
<p>Wie ist es zu erklären, daß die königliche Antwort: in dem Sinne wolle er<lb/>
nun wohl keine Verfassung geben, doch er gedenke allerdings die ständische<lb/>
Entwickelung zu fördern; daß diese Antwort den Landtag ganz glücklich machte?<lb/>
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zweiten Erlaß das Abschlägliche derselben schärfer accentuirte.</p><lb/>
<p>Davon will ich gar nicht sprechen, daß die Rede des Königs vom Balkon des<lb/>
Schlosses die alten Bürger so bewegte, daß so mancher Ultraliberale sich kaum der<lb/>
Thränen enthalten konnte. Ein redender König! das war ja noch gar nicht dagewesen!<lb/>
Und noch dazu ein feierlicher Schwur! Was dieser Schwur enthielt, darauf kam<lb/>
weniger an; Walesrode hat später mit Recht darauf aufmerksam gemacht, daß es<lb/>
sich eigentlich von selbst verstände, man müsse ein <cit><quote>&#x201E;gerechter, milder und barm¬<lb/>
herziger König&#x201C;</quote></cit> sein, weil man ohne das ein Nero und Busiris wäre, aber <cit><quote>&#x201E;wer<lb/>
denkt daran in einer Schäferstunde?&#x201C;</quote></cit> Ich erinnere an Georg Herwegh, der noch<lb/>
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gemacht. <cit><quote>&#x201E;Es erscholl so feierlich: <hi rendition="#g">Ich schwöre!</hi>"</quote></cit> <cit><quote>&#x201E;Ach mein Jesus!&#x201C;</quote></cit> sagt<lb/>
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<p>Ein Einziger von den liberalen Bürgern störte seinen gerührten Nachbar<lb/>
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<p>Jene Selbsttäuschung des Landtags hatte einen einfachen Grund. Seine For¬<lb/>
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Zeitungen fingen an, von Thiers und Guizot zu abstrahiren, und sich um die<lb/>
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wirklicht gesehen. Schlimm genug, daß diese Doctrinen dem Bewußtsein der Zeit<lb/>
widersprachen; die Romantik mußte doch früher oder später, da die Bewegung<lb/>
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<p>Eine der ersten Maßregeln, in denen sich diese Reaction aussprach, war die<lb/>
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liche Ausbildung des Staats unmöglich zu machen suchte. Die letzte Frage lau¬<lb/>
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lag in der That nicht mehr, und vor Gericht mußte Jacoby freigesprochen werden.<lb/>
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<p>Die Brochüre imponirte einestheils durch die Schärfe und Bestimmtheit, mit<lb/>
der ausgesprochen war, was man sich gestand selber fühlen zu müssen; andrerseits<lb/>
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Jacobs ihre Flüche zu schleudern. Ganz Deutschland jubelte bei dieser ersten Bot¬<lb/>
schaft, das reactionäre Preußen sei endlich zum Bewußtsein gekommen, und werde<lb/>
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<p>Man vergaß, daß ein Rechtsverhältniß nur zwischen constituirten Parteien<lb/>
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Jacoby verwarf ausdrücklich die ständische Vertretung. Ihm war der Rechtsboden<lb/>
nicht Princip, sondern Waffe.</p><lb/>
<p>Der ganze Rechtsboden beruhte auf einem einseitigen Versprechen. Der<lb/>
Schüler der Romantik konnte mit Faust antworten:</p><lb/>
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<p>Auf der andern Seite ist aber nicht zu leugnen, daß die sonst übliche Argu¬<lb/>
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Friedrich, Joseph und Napoleon hier noch in den Köpfen spukt. Allerdings wäre<lb/>
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er wäre dann nicht geköpft worden; aber so etwas mag man nicht voraussehen.</p><lb/>
<p>Jacoby's Schrift hatte nichts &#x201E;Herzerwärmendes&#x201C;, um mich dieses officiellen<lb/>
Ausdrucks noch einmal zu bedienen; sie war sententiös und in der juristisch-ab-<lb/>
stracten Logik der alten Schule gehalten. In den beiden Denkschriften, die er zu<lb/>
seiner Vertheidigung den Gerichten einreichte und später veröffentlichte, ist diese<lb/>
Methode viel glücklicher angewendet. Es ist hier die eigne Dialektik des Poli¬<lb/>
zeistaats, dessen einzelne Bestimmungen in ihrer innern Hohlheit sich einander<lb/>
widerlegen. Durch seinen Rechtsspruch erkannte das Tribunal diese Dialektik an,<lb/>
und die Regierung hatte ohne Nutzen ihre reactionären Gelüste verrathen.</p><lb/>
<p>Bei dem raschen Aufschwung der Presse ging Königsberg voran. Die Har-<lb/>
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Dialektik, in welchem sich in derselben Zeit die Rheinische Zeitung erging. Beide<lb/>
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nicht viel mehr zu sagen gehabt, sie hätte denn bei § 1. wieder anfangen müssen.<lb/>
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<p>Jene Artikel in der Hartungschen Zeitung waren vorzugsweise von Jacoby<lb/>
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rascht, raffte sich auf; der Magistrat und die Bürgerschaft beeiferten sich, bei jeder<lb/>
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&#x2014; freilich nicht als Redner, denn seine Logik ist abstract: er ist in seinem Libe¬<lb/>
ralismus dogmatisch, nicht dialektisch, und hat zu wenig Objectivität, um über<lb/>
die einfache Behauptung hinaus auf nähere Begründung im Sinne Andersden¬<lb/>
kender einzugehen, er ist abhängig von dem Inhalt seines Glaubens, und versteht<lb/>
seine Gegner nicht, darum kann er weder ein Volksredner, noch eine parla¬<lb/>
mentarische Notabilität werden; es fehlt ihm Pathos wie Humor. Wenn die<lb/>
Wahrheit sich in die abstracte Form rationeller Decrete bringen ließe, so wäre er<lb/>
ein Politiker; so aber bleibt er immer außerhalb des Staatslebens, wie er auch<lb/>
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<p>Mit Herwegh's Besuch in Königsberg, der damals vor seinem schwärmerischen<lb/>
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liche Weise belästigt, dann ganz unterdrückt; der freien Presse stellte man erst eine<lb/>
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Königsberg um so leichter war, da die abstract dogmatische Form des Liberalis¬<lb/>
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Böttiger, ein reines Werkzeug der Camarilla; man entfernte Abegg und machte<lb/>
<hi rendition="#g">Lauterbach</hi> zum Polizeipräsidenten, dem es auch bald gelang, das Institut der<lb/>
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<hi rendition="#g">Lucas</hi> zum Schulrath, dessen pietistische Färbung um so gehässiger war, da er<lb/>
früher als Burschenhafter mit der Demagogie geliebäugelt hatte und da er in<lb/>
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kommen war; man schärfte von Oben her den antiliberalen Sinn der Offiziere<lb/>
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Königsberger für ihre Gesinnung zu ärgern. Die Stimmung der Liberalen wurde<lb/>
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<p>Es war die Zeit, wo der Liberalismus in seiner politischen Richtung ge¬<lb/>
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fand auch in Königsberg lebhaften Anklang, obgleich hier eine Opposition gegen<lb/>
die katholische Kirche durch die Verhältnisse gar nicht motivirt war. Man betrach¬<lb/>
tete ihn von liberaler Seite als eine politische Demonstration, doch der Vorsitzende,<lb/>
<hi rendition="#g">Rupp</hi>, war zu sehr Theolog; als Jacoby sich betheiligen wollte, versagte er dem<lb/>
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übersehen, finden sich mehrere; Jacoby wurde dadurch immer mehr in den Radi¬<lb/>
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Boden unter den Füßen entzogen wird und die sich dadurch veranlaßt sieht,<lb/>
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mälig vor dem Ungestüm des Radikalismus scheu wurde; aber was half es! er<lb/>
hatte keinen legitimen Boden für seine Thätigkeit. Von Außen her, wo er nur<lb/>
Name war, wurde ihm größere Anerkennung zu Theil; er trat den süddeutschen<lb/>
Radikalen näher und entfremdete sich Preußen mehr und mehr.</p><lb/>
<p>Bei der Jubelfeier der Universität sollte eine Art Versöhnung zwischen der Re¬<lb/>
gierung und der Stadt gefeiert werden; sie mißlang gänzlich, im Gegentheil traten<lb/>
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<p>Jacoby's zweite Schrift erschien; sie enthielt im Wesentlichen die alten Ge¬<lb/>
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des Volks, die Stände, sich mit größerer Entschiedenheit der Sache annahmen.</p><lb/>
<p>In derselben Zeit hatte sich die philosophisch radicale Opposition, die sich<lb/>
in den Jahrbüchern concentrirt hatte, mit Unterdrückung derselben aufgelöst. Die<lb/>
Berliner hatten eine Reihe von Standpunkten des politischen Bewußtseins über¬<lb/>
wunden und <hi rendition="#g">Bauer</hi> ließ eine heftige Anklage gegen Jacoby ergehn: sein Stand¬<lb/>
punkt sei ein beschränkter, denn er hafte noch an dem alten Rechtsboden, seine<lb/>
Forderungen seien unberechtigt, denn dem alten Ständewesen gegenüber habe der<lb/>
Absolutismus recht und seine Waffen seien die unrühmlichen der Sophistik und<lb/>
des Zurechtmachens. Bei der liederlichen radicalen Schule in Berlin, die sich in<lb/>
der Regel darauf beschränkte, die Orakel ihres Meisters zu paraphrasiren, wurde<lb/>
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Jacoby &#x2014; den man den Leibarzt Sr. Excellenz des Ministers v. Schön nannte &#x2014;<lb/>
als eine reactionäre, halbe und bornirte Wirthschaft zu verhöhnen. Der Vorwurf<lb/>
traf übrigens in gewissem Sinn, denn der Rechtsboden, mit dem Jacoby dem<lb/>
Polizeistaate zu Leibe ging, war nicht mehr sein eigener, er glaubte nicht mehr an<lb/>
die Heiligkeit seiner eigenen Waffen; er rühmte sich selber, im Geist weit über den<lb/>
Standpunkt hinaus zu sein, den er, in Anbetracht der Umstände, in seinen Schriften<lb/>
einnehme. Er besuchte Bauer bei seiner Anwesenheit in Berlin und wurde von<lb/>
ihm mit dem Ausrufe des Staunens: <cit><quote>&#x201E;Ach Herr Jesus!&#x201C;</quote></cit> empfangen.</p><lb/>
<p>Diese Anwesenheit fällt in die Zeit des Centrallandtags. Die Ueberraschung,<lb/>
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Ereignisses gerieth, spiegelt sich am Besten in der Schrift von <hi rendition="#g">Heinrich Si¬<lb/>
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nahme derselben empfahl, so übersah er dabei, daß durch einen solchen Schritt<lb/>
der alte Zustand keineswegs hergestellt werde.</p><lb/>
<p>Die Augen von ganz Deutschland waren damals auf Berlin gerichtet. Es<lb/>
war in der That die entscheidende Stunde für Preußen. Hätte damals der Kö¬<lb/>
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gen eine Wahlreform nicht gesträubt, die damals noch sehr mäßig ausgefallen<lb/>
wäre, so war die Hegemonie Preußens und vielleicht das allmälige Aufgehn Deutsch¬<lb/>
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Hauptstadt; Jacoby traf mit Simon zusammen, indeß das beinah forcirt rationalistische<lb/>
Wesen des Einen stimmte nicht recht mit dem fliegenden Enthusiasmus des Andern.</p><lb/>
<p>Damals sah ich Jacoby zuerst. Ein kleiner Mann mit stark rothem Gesicht<lb/>
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von jüdischem Typus, schon etwas Glatze; in seinem ganzen Aeußern unscheinbar,<lb/>
machte er doch mit seinen klaren, ruhigen Augen den Eindruck eines verständigen<lb/>
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nen Ausdruck der Blasirtheit ist bei ihm keine Spur; er hat für Alles &#x2014; auch<lb/>
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rückhalten imponiren; es ist aber keine Reflexion darin, es ist Natur. Er betont<lb/>
fast jedes Wort, was bei seiner sententiösen Schreibart wohl zu erklären ist, zu¬<lb/>
weilen aber drollig genug herauskommt, wenn der Accent eine ganz unwichtige<lb/>
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<p>Jacoby hatte wohl die Ansicht, im Verein mit seinen Freunden aus Ost¬<lb/>
preußen auf die entscheidenden Schritte der Partei zu influiren. Die Ostpreußen<lb/>
nahmen auf dem Landtage eine eigne Stellung ein; sie waren voll von den Si-<lb/>
mon'schen Ideen und wiegten sich in dem Gedanken, in jedem bedenklichen Falle<lb/>
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In dieser Ueberzeugung eines eventuellen großen Schrittes gaben sie sich aber keine<lb/>
Mühe, im Detail ihr Verfahren voraus zu berechnen. Zudem waren sie, wie die<lb/>
ältere Generation der Bürger und Gutsbesitzer im Allgemeinen, zu royalistisch, um<lb/>
nicht jeden ernstlichen Conflict mit der Krone als einen innern Bruch zu em¬<lb/>
pfinden. Sie zogen Jacoby nicht mit in ihre Berathungen; theils war er nicht<lb/>
zünftig, theils hatten sie ihn wohl schon in Verdacht, zu radical zu sein. Auf<lb/>
Jacoby hatte das einen entschieden ungünstigen Einfluß, er blieb in der Stellung<lb/>
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als Mitglied der Opposition eine sehr gute Rolle gespielt und sich durch bestimm¬<lb/>
tes Wirken vielleicht von dem einseitigen Radicalismus befreit haben, der nun<lb/>
durch die fortdauernde Erbitterung nur uoch genährt wurde. Ob er auf den<lb/>
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vielleicht hätte in dem günstigen Moment eine scharfe und rücksichtslos ausge¬<lb/>
sprochene Meinung ihren Erfolg nicht verfehlt, doch ist dabei nicht zu übersehen,<lb/>
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Entschiedenes geschehen, als daß er sich über die Art und Weise desselben ein kla¬<lb/>
res Bild gemacht hätte. Zudem waren die andern Führer der Opposition wie<lb/>
Vincke, Camphausen, selbst Auerswald an Talent ihm weit überlegen und hatten<lb/>
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wollten sogleich abreisen; man kann nicht sagen, ob die Empörung größer war<lb/>
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<p>Als in einem engen Kreise die Thronrede vorgelesen wurde und Alles außer<lb/>
sich war über diese Demonstration, welche in die heiligsten Gefühle des Volks<lb/>
einschnitt, blieb Jacoby in seiner gewöhnlichen Stille. <cit><quote>&#x201E;So hat noch nie ein<lb/>
König zu seinem Volk gesprochen!&#x201C;</quote></cit> rief der eine. <cit><quote>&#x201E;Doch,&#x201C;</quote></cit> sagte Jacoby, <cit><quote>&#x201E;Karl <hi rendition="#aq">I.</hi>&#x201C;</quote></cit><lb/>
Mich frappirte das: ist das ein Politiker, der eine ernsthafte Situation mit einem<lb/>
Bonmot abmacht? denn ein Bonmot war es, nicht natürliche Empfindung.</p><lb/>
<p>Der liberale Adreßentwurf war Jacoby nicht scharf genug; es hieß, er wolle<lb/>
im Verein mit einigen Ostpreußen von der entschiednen Richtung eine stärkere ent¬<lb/>
werfen. Es wurde nichts daraus; im Gegentheil wußte Auerswald's diplomatische<lb/>
Schlauheit, um eine Majorität hervorzubringen, die Bestimmtheit der Opposition<lb/>
mit einer Phrase zu überdecken, die eben so wenig logisch als männlich war. Der<lb/>
&#x201E;große Schritt&#x201C; war verfehlt, wie es das Schicksal aller großen Schritte auf die¬<lb/>
sem Landtag war, Jacoby blieb noch einige Zeit, seine Verstimmung zu nähren<lb/>
und machte dann eine weitere Reise, wo er sich im Umgange, mit &#x201E;entschiedenen&#x201C;<lb/>
süddeutschen Radikalen von dem schlechten Eindrucke, den seine Landsleute auf ihn<lb/>
gemacht haben, erholt haben mag.</p><lb/>
<p>Wir wollen doch nicht vergessen, daß diesem Landtag, so viel man mit Recht<lb/>
an ihm auszusetzen hat, im Ganzen ein sehr wohlthätiger Einfluß auf die Ent¬<lb/>
wickelung des liberalen Bewußtseins in Preußen nicht abzusprechen ist. Er hat<lb/>
die Ideen populär gemacht, die früher nur den Eingeweihten zugänglich waren;<lb/>
er hat sie legalisirt. Er hat ferner die Ohnmacht des absoluten Staates an den<lb/>
Tag gelegt und dem Volke durch populäre, allgemein geachtete Namen einen Halt<lb/>
seines Selbstgefühls gegeben. Man mag jetzt über <hi rendition="#g">Vincke</hi> hinaus sein so weit<lb/>
man will, an seinen Namen knüpft sich die erste Phase der preußischen freien<lb/>
Politik.</p><lb/>
<p>Im Laufe dieses Landtages trennte sich die radikale &#x2014; außerhalb der politi¬<lb/>
schen Institutionen stehende &#x2014; Ansicht entschieden von der liberalen; sie liebte es<lb/>
damals, auf der einen Seite mit dem Socialismus, auf der andern mit dem Po-<lb/>
lizeistaat zu coquettiren. Ich erinnere nur an die Zeitungshalle. Man fühlte,<lb/>
oder man glaubte zu fühlen, daß der Unterschied nicht nur ein quantitativer sei,<lb/>
daß er sich anch auf den Inhalt erstrecke.</p><lb/>
<p>Es kam die Revolution. In Königsberg war es schon vor dem <hi rendition="#aq">19.</hi> März<lb/>
zu Unruhen gekommen, sie waren aber erfolglos geblieben. Nun kam die Barri¬<lb/>
kadennacht in Berlin; Berlin, die wegen ihres Servilismus und ihrer Blasirtheit<lb/>
so verachtete Residenz, war dem gesinnungstüchtigen Königsberg vorangegangen!<lb/>
Man schämte sich, man fühlte den unbestimmten Drang, irgend etwas Bedeutendes<lb/>
zu thun; aber was! &#x2014; Der Absolutismus in Preußen ist geschlagen, aber er<lb/>
besteht noch in Rußland, Rußland ist mit dem König verschwägert, es besteht<lb/>
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sicher eine Conspiration, die junge Freiheit soll wieder gemordet werden, wir liegen<lb/>
an der Grenze, wir können es hindern! Gesagt, gethan! Man hält einen Kurier<lb/>
an, der über die russische Grenze will, man nimmt ihm seine Briefschaften ab,<lb/>
aber man ist wieder zu ehrlich und hat einen zu gesetzlichen Sinn, um sie selber<lb/>
zu öffnen, man bringt sie zum Commandirenden, er soll sie öffnen; dieser schlägt<lb/>
es natürlich ab; nun weiß man nicht recht, was weiter zu thun ist, die Briefe<lb/>
werden also dem Courier zurückgegeben und gehen ungehindert ihren Gang. Man<lb/>
hat einen Streich gemacht und noch dazu umsonst.</p><lb/>
<p>Diese Geschichte hat Jacoby in der Provinz sehr geschadet. Man kam zur<lb/>
Besinnung und fühlte sich deprimirt. Ueberhaupt trat hier, sobald die revolutio-<lb/>
näre Frühgeburt in Frankfurt und der radikale Veitstanz in Berlin in ihrer wi¬<lb/>
derlichen Nacktheit zum Vorschein kamen, eine entschiedene Reaction ein; der grö¬<lb/>
ßere Theil der früheren Liberalen ist heute conservativ, und in dem Volke lebt<lb/>
zu viel gesunder Menschenverstand und zu viel natürliches Rechtsgefühl, als daß<lb/>
es den Einflüsterungen der modernen Levellers Gehör geben sollte. Es muß Ja¬<lb/>
coby sehr gekränkt haben, als bei der Wahl für Frankfurt und Berlin in der<lb/>
Provinz sein Name nirgends durchdrang, obgleich Königsberg einen andern jüdi¬<lb/>
schen Arzt, <hi rendition="#aq">Dr.</hi> Kosch, in die preußische Constituante schickte.</p><lb/>
<p>Auf den ersten Ruf eilte Jacoby, ohne sich in Berlin, das doch ein höchst<lb/>
anziehendes Schauspiel bot, aufzuhalten, in das sogenannte Vorparlament. Er<lb/>
hat hier nur zweimal gesprochen und zwar in den beiden entscheidenden Fragen<lb/>
über die Permanenzerklärung und über die Nothwendigkeit, den Bundestag zu<lb/>
epuriren, bevor man von ihm irgend eine Notiz nähme. Allein er gab nur einfach<lb/>
seine Stimme ab, und hielt den dogmatischen Ausdruck seiner Meinung, wie ge¬<lb/>
wöhnlich, für genügend. Bei dem stürmischen Charakter dieser wunderbaren<lb/>
Versammlung hätte er sich ohnehin nicht geltend machen können; zum eigentlichen<lb/>
Demagogen fehlt ihm schon das Organ. In beiden Fragen stimmte er mit der<lb/>
Hecker'schen Partei, in dem Wahn, es gehöre blos der Entschluß dieser &#x201E;Nota-<lb/>
beln&#x201C; dazu, sich zur Regierung von Deutschland zu machen! Doch hatte er so<lb/>
viel gesetzlichen Instinct, daß er sich zu den weitern Schritten dieser anarchistischen<lb/>
Clique nicht hergab. Er wollte die deutschen Staaten auf gesetzlichem Wege um¬<lb/>
werfen. Auch nahm er an den demokratischen Volksversammlungen keinen Theil.<lb/>
Sein Ruf als Repräsentant des preußischen Liberalismus &#x2014; den außer ihm ei¬<lb/>
gentlich nur Soiron, Raveaux und Abegg verträten, war groß genug, ihm die<lb/>
Wahl in den Fünfziger-Ausschuß zu verschaffen, obgleich er sich sonst in keiner<lb/>
Weise geltend gemacht hatte.</p><lb/>
<p>Auch im Ausschuß spielte er keine bedeutende Rolle, Robert Blum drängte<lb/>
alle seine Meinungsgenossen weit zurück. Jacoby hörte in der Regel ruhig zu &#x2014;<lb/>
eigentlich war das auch die Hauptaufgabe des ganzen Ausschusses &#x2014; und stimmte<lb/>
nur immer lebhaft bei, wenn gegen den Bundestag oder gegen Preußen irgend<lb/>
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eine Grobheit decretirt wurde. Die alte Verbitterung trat nun frei hervor; sie<lb/>
macht die Geschmeidigkeit gegen die Arroganz der süddeutschen Radikalen erklärlich,<lb/>
ohne sie zu entschuldigen. Es war ein Unglück für Preußen, daß von den Män¬<lb/>
nern, die von dem Staatsorganismus doch einen Begriff hatten, keiner in Frank¬<lb/>
furt anwesend sein konnte, alle andern <choice><sic>Staate</sic><corr>Staaten</corr></choice> waren besser vertreten. Nach dem,<lb/>
was früher von Jacoby berichtet ist, konnte man freilich eine Pietät gegen seinen<lb/>
Staat nicht erwarten &#x2014; eine Pietät, die sich mit ernster Kritik sehr wohl ver¬<lb/>
trägt, die aber <hi rendition="#g">Kenntniß</hi> der heimischen Institutionen und Betheiligung daran<lb/>
voraussetzt. Zudem erging sich nun das demokratische Gelüst des Plebejers, den<lb/>
adeligen Herren, von denen man bis dahin geknechtet war, einen Fußtritt zu ge¬<lb/>
ben, mit vollster Freiheit. Jacoby war es, der die Redensart, der Bundestag<lb/>
dürfe nur ein Briefträger des Fünfziger-Ausschusses sein, zu Tode hetzte.</p><lb/>
<p>Von den beiden Geschäften des Ausschusses &#x2014; unnütze Commissionen zur<lb/>
Untersuchung localer Verhältnisse, die <choice><sic>ihm</sic><corr>ihn</corr></choice> nichts angingen, und Comit<hi rendition="#aq">é</hi>s<lb/>
zur Berathung überflüssiger Gegenstände &#x2014; nahm er nur an den letztern Antheil.<lb/>
Er war im Sicherheitsausschuß, in dem Ausschuß für Beschleunigung der Wahl,<lb/>
und in den meisten übrigen. In den Mußestunden wiegte er sich, wie seine übri¬<lb/>
gen Kollegen, in dem süßen Gefühl, Geschichte zu machen. Daß er lebhaft für<lb/>
die Freiheit Polens arbeitete, ist bei seinem abstracten Liberalisinus, der den con-<lb/>
creten Verhältnissen Rechnung zu tragen verschmäht, weil er sie nicht kennt, leicht<lb/>
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<p>Nachdem er vergebens gehofft hatte, in die Nationalversammlung, die ihn<lb/>
eigentlich allein interessirte, einzutreten, traf ihn eine märkische Wahl für Berlin.<lb/>
Vor Eröffnung derselben gab er eine kleine Schrift heraus, über das Verhältniß<lb/>
der preußischen zu der deutschen Constituante. Er adoptirte die Ansichten seines<lb/>
Freundes Blum, daß Preußen die Einberufung der Einzelstände nur darum be¬<lb/>
trieben habe, um gegen die Nationalversammlung ein Gegengewicht zu bilden,<lb/>
und erklärte es für Pflicht der preußischen Constituante, das Recht, die Verfassung<lb/>
für Deutschland herzustellen, der Frankfurter Versammlung unbedingt zuzuerkennen,<lb/>
und dann nach Lösung der laufenden Fragen auseinander zu gehen. Er glaubte<lb/>
damals, wie es bei der Gegenpartei eben so der Fall war, das Frankfurter Par¬<lb/>
lament würde radikaler sein, als das Berliner. In der Natur war eine solche<lb/>
Voraussetzung begründet, doch hatten die Wahlen das Eigenthümliche, daß man<lb/>
die theoretisch beglaubigten Notabilitäten, die Herren, nach dem fernern Frankfurt<lb/>
schickte, nach Berlin dagegen, wo man die unmittelbaren Interessen betheiligt wußte,<lb/>
seines Gleichen, den Bruder Bauer und Handwerker, oder wer der augenblicklichen<lb/>
Stimmung das Wort redete. So ist es gekommen, daß die Paulskirche, die unorganisch<lb/>
und künstlich zusammengebracht ist, einen geordneten, verständigen Gang nahm,<lb/>
während die Berliner eben so wie die Wiener sich in ein Labyrinth sinnloser Irr-<lb/>
gänge verlies. Es ist natürlich, daß sich demzufolge die Partei der Ordnung und<lb/>
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des Rechts mehr und mehr nach Frankfurt wendet, während die Radikalen, die<lb/>
ursprünglich die Einheit Dentschlands predigten, weil sie in derselben die Zersetzung<lb/>
der wirklich bestehenden Staatsgewalten sahen, von dem Reich nichts mehr wis¬<lb/>
sen wollen.</p><lb/>
<p>Zum ersten Male trat Jacoby auf, in dem berühmten Antrag über<lb/>
die Anerkennung der Centralgewalt. Die Regierung hatte sie anerkannt,<lb/>
zugleich aber die Voraussetzung ausgesprochen, daß sie den bestehenden Zu¬<lb/>
ständen Rechnung tragen würde; für die Radikalen, denen es gar nicht<lb/>
darum zu thun war, eine Centralgewalt zu haben, die das Bestehende schonte,<lb/>
war solche Erklärung eine bedingte Anerkennung, d. h. eine Auflehnung gegen<lb/>
die Souveränität der Nation. Jacoby's Antrag ging also dahin: die Pauls¬<lb/>
kirche ihrer Entscheidung wegen zu tadeln, das Recht zu dieser Entscheidung aber<lb/>
anzuerkennen, und demnach der Preußischen Regierung das Recht auch nur über¬<lb/>
haupt der Anerkennung abzusprechen. <cit><quote>&#x201E;Nach den Beschlüssen des Vorparlaments&#x201C;</quote></cit><lb/>
u. s. w., so lautete immer die Argumentation dieser umgekehrten Legitimität. Jener<lb/>
Antrag war nicht unlogisch, wie ihn Herr v. Berg nannte; er war zwar nach<lb/>
verschiedenen Seiten hin gerichtet, hatte aber einen innern Zusammenhang. Er<lb/>
betrachtete die beiden Versammlungen als Centralorgane des Volks, d. h. der<lb/>
radicalen Gesinnung gegen die Regierung, und da konnte denn Bruder Volk sich<lb/>
gegen den Bruder Volk schon einen Tadel erlauben, zudem er seinem Feinde, der<lb/>
Regierung, das Recht absprach. Der preußische Particularismus, <hi rendition="#g">sofern er von<lb/>
der Regierung ausgeht</hi>, ist gegen die Souveränität des Volks, ebenso die<lb/>
Einheit, wenn sie die Regierung hebt, indessen ist die letztere immer noch radi-<lb/>
caler als die erste, weil sie als Regierung <hi rendition="#aq">in partibus</hi> gegen die bestehenden Re¬<lb/>
gierungen Partei nimmt.</p><lb/>
<p>Es ist Consequenz darin, aber &#x2014; die Consequenz des unproductiven Radi¬<lb/>
kalismus; es ist eine Strebsamkeit, aber eine abstracte und negative, die alte Kritik<lb/>
gegen den Absolutismus ist festgehalten in einer Zeit, wo er bereits gestürzt ist,<lb/>
und wo es die Organisation der neuen Ideen gilt. Nirgends finden wir bei die¬<lb/>
sem Manne auch nur eine Spur von einem positiven Vorschlag, wo es etwas Be¬<lb/>
stimmtes gilt; nie auch nur die Ahnung, daß es sich um etwas mehr handle, als<lb/>
um eine bloß formelle Veränderung der Verfassung. Jacoby's Wirkung hat eigent¬<lb/>
lich noch weniger Inhalt als Blum's, denn dieser nimmt den Mund voll, und<lb/>
trägt immer dazu bei, das Volk zu cultiviren, dem er bei aller Oberflächlichkeit<lb/>
doch an Bildung überlegen sein muß. Blum ist der Mann des Volks aus Na¬<lb/>
tur; Jacoby aus Reflexion; seine Bildung streift, freilich dilettantisch, an aristo¬<lb/>
kratische Genüsse; er kümmert sich ernstlich um Poesie u. dgl., er studirt den Feuer¬<lb/>
bach, die Jahrbücher, er interesstrt sich für junge Talente, wahrend für Blum<lb/>
nichts existirt, was nicht unmittelbare Beziehung auf seinen Zweck hat. Blum<lb/>
verwendet Alles, was er gelegentlich aufgreift, in Redestoff; Jacoby drängt sei-<lb/>
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nen wirklichen Inhalt zurück, um durch Gemessenheit zu imponiren. Daher hat<lb/>
er sich in die Clubs nicht eingelassen; er würde auch darin nichts ausrichten. Er<lb/>
will nur durch den Verstand wirken, durch die formelle Entweder-Oder Logik:<lb/>
<cit><quote>&#x201E;Alles ist blau oder nicht blau, frei oder nicht frei,&#x201C;</quote></cit> oder positiv gesagt <cit><quote>&#x201E;radical<lb/>
oder reactionär,&#x201C;</quote></cit> eine Logik, die in der Wissenschaft längst überwunden ist, die<lb/>
aber im Leben sich gerade jetzt unerträglich breit macht. Diese abstracte Logik<lb/>
verblendet gegen die Wirklichkeit, wie die Gewohnheit der Declamation, aber nach<lb/>
meinem Gefühl auf eine unangenehmere Weise. Denn der Phraseur ist doch wirk¬<lb/>
lich ein Pathos, wenn er sich auch zuerst hinein randalirt, aber die Abstraction<lb/>
blendet, ohne das Gefühl der Erhebung. Die Abstraction führt leichter zum Fa¬<lb/>
natismus als die Phrase.</p><lb/>
<p>Es ist aus dem Gange, den die abstracte Opposition in diesem von Natur<lb/>
ehrenwerthen Charakter genommen hat, begreiflich, daß er sich in die Intriguen<lb/>
einer Partei einläßt, in der <hi rendition="#g">Held</hi> und ähnliche Subjecte eine Rolle spielen; daß<lb/>
er mit Brill u. s. w. einen Abgeordneten der Untersuchung über die Theilnahme<lb/>
jener nichtswürdigen Zeughausplünderei entziehen will; daß er die ebenso infamen<lb/>
als lächerlichen Lügen der Meneurs seiner Partei ohne Weiteres als baare Münze<lb/>
gelten läßt &#x2014; des guten Zweckes willen; daß er bei einer der wenigen Gelegen¬<lb/>
heiten, wo er spricht &#x2014; in der Bürgerwehrfrage &#x2014; in wenig Sätzen eine Reihe<lb/>
von Verkehrtheiten, eine Theorie zu Tage fördert, wie sie sich für die Placate<lb/>
des demokratischen Vereins schicken würde; &#x2014; es wäre wahrlich der Mühe werth,<lb/>
die Absurditäten dieser Bürgerwehrtheorie zu beleuchten, wenn nicht mit jedem<lb/>
Tage die Berliner Demokratie einen neuen Einfall auftischte, gegen welchen der<lb/>
gestrige ein Kinderspiel war, wenn man in der Bedlamsprache dieser neuen Pro¬<lb/>
pheten nicht jeden Satz, der nicht geradezu nach dein Irrenhaus schmeckt, wie ei¬<lb/>
nen köstlichen Fund begrüßen müßte &#x2014; &#x2014; ich sage, alles das ist begreiflich, denn<lb/>
die Abstraction macht zuletzt blind gegen alle Realität, gegen alle Wahrheit und<lb/>
alles Recht. &#x2014; Und doch ist es mir unbegreiflich.</p><lb/>
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